Inhaltsangabe nichtfiktionaler Texte

Aus Digitale Schule Bayern
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Ausgangstext


Bundesministerin Ursula von der Leyen fordert in Bayreuth eine Arbeitswelt, in der sich Kind und Beruf besser vereinbaren lassen

Warum Familienpolitik mehr als nur Gedöns ist

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Erhielt bei ihrem Vortrag in Bayreuth viel Zustimmung: Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen FOTO: WILL


VON MATTHIAS WILL BAYREUTH – Es gab Zeiten, in denen man es als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nicht leicht hatte in der Machowelt der Politik. Als „Ministerium für Frauen und Gedöns“ verhöhnte einst der frühere Kanzler Gerhard Schröder das Ressort, was nicht nur dessen Chefin Renate Schmidt (SPD), sondern auch vielen anderen missfiel, die davon ausgegangen waren, dass derartige Sprüche im Zuge der fortschreitenden Emanzipation der Vergangenheit angehören.

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Vor allem, weil die Medien voll sind von Warnern und Mahnern, die Deutschland angesichts der schwachen Geburtenrate eine schwierige Zukunft prophezeien.


Keine Antworten


Aber die Tatsache, dass Kinder und Familie mittlerweile ein Dauerthema in der Öffentlichkeit sind, ist auch das Verdienst von Ursula von der Leyen (CDU). Die Bundesfamilienministerin gilt als eine der wenigen schillernden Persönlichkeiten im spröden Merkel-Kabinett. Deshalb wird auch an diesem Tag bei der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken in Bayreuth viel gelobhudelt. „Unglaublich, was Sie alles geleistet haben. Sieben Kinder, Studium, Ministerin in Niedersachsen und jetzt Bundesministerin“, sagt IHK-Präsident Wolfgang Wagner. Auch Vertreter der Wirtschaft loben die „Frau Ministerin“ für ihre „tolle Arbeit“.

Von der Leyen erzählt von einem Gespräch mit amerikanischen Journalisten, die sie vor dem Hintergrund des Baby-Booms im Nachbarland besorgt gefragt hätten:„Und ihr? Was ist denn bloß los mit euch?“ Frankreich hatte im Vorjahr nach Angaben der Statistikbehörde INSEE mit knapp 831 000 Neugeborenen die höchste Geburtenzahl seit 25 Jahren erreicht. Damit nimmt das Land mit durchschnittlich über zwei Kindern pro Frau den Spitzenplatz in Europa ein, während Deutschland mit einer durchschnittlichen Geburtenrate von 1,36 Kindern pro Frau noch unter dem europäischen Mittelwert (1,52) liegt. „Wir haben zwar das dumpfe Gefühl, dass bei uns etwas nicht in Ordnung ist, aber viele machen es sich zu einfach und schieben die Schuld dem Egoismus der jüngeren Generationen in die Schuhe“, sagt von der Leyen. Es sei zu begrüßen, dass sich durch wachsende Bildungschancen für junge Menschen bessere Perspektiven ergäben. „Wir haben bisher einfach noch nicht die passenden Antworten auf die Frage gefunden, wie Kinder und Beruf besser miteinander vereinbart werden können.“ Die Bundesregierung habe mit dem Elterngeld einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. „Wir wollten deutlich machen, dass es der Gesellschaft nicht egal ist, ob man ein Kind erzieht oder nicht.“

Die Ministerin ist der Überzeugung, dass Deutschland hinsichtlich Familienpolitik einiges von anderen Nationen – etwa Frankreich, den Benelux-Staaten oder skandinavischen Ländern – lernen könnte. Von der Leyen wuchs in Belgien auf und besuchte dort eine Ganztagesschule. Für sie sei es deshalb fast ein Kulturschock gewesen, mit welchen tiefen Vorbehalten der Ganztagesschule in der Bundesrepublik begegnet werde, sagt die CDU-Politikerin. „Aber den belgischen, französischen oder skandinavischen Kindern geht es meines Wissens doch nicht schlechter als unseren.“

Familienfreundliche Arbeitswelt“ ist für von der Leyen das Management-Thema der Zukunft. Damit würde darüber entschieden, ob hochqualifizierte Arbeitskräfte gehalten werden könnten oder ob sie abwanderten. Zu lange sei dieser Aspekt – und jetzt folgt der Seitenhieb auf Gerhard Schröder – als „Gedöns“ abgetan worden. Die Ministerin berichtet von einem Besuch eines Werkes des Chemiekonzerns BASF, in dem eine Kinderkrippe eingerichtet worden sei. „Die Unternehmensleitung hat mir gesagt, dass dies billiger ist als hervorragend ausgebildete Frauen zu verlieren.“

Das Bundesfamilienministerium geht beim Thema „Familienfreundliche Arbeitswelt“ mit gutem Beispiel voran. Nach Aussage der Ressortchefin wurde für das neugeborene Kind einer Mitarbeiterin eine Tagesmutter eingestellt. „Diese Mitarbeiterin ist hochqualifiziert und engagiert. Sie soll die Möglichkeit haben, weiter ihrer Arbeit nachzugehen.“

Von der Leyen weiß, dass solche Geschichten ankommen. Die 49-Jährige weiß auch, dass sie für die Medien interessant ist. Sie hat keine Scheu vor Kameras und Mikrophonen, knipst für die Fotografen ihr schönstes Lächeln an. Gerne lässt sie sich mit ihren sieben Kindern David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont und Gracia ablichten. Für manche wirken ihre Plädoyers für eine familienfreundliche Politik gerade deshalb so glaubwürdig.


Ein Kinderspiel?


Andere wiederum werfen ihr vor, sie schiebe ihren Nachwuchs fahrlässig oft ins Rampenlicht, um politisch zu profitieren. Und oft hört man, die Vereinbarkeit von Großfamilie und Beruf sei ein Kinderspiel, wenn man so privilegiert lebe wie von der Leyen.

In Bayreuth jedenfalls kommt die CDU-Politikerin sehr gut an. Auf die Frage, wie sie es schaffe, ihren Fulltimejob und ihr Familienleben unter einen Hut zu bekommen, antwortet sie: „Am Wochenende nehme ich keine Termine für Vorträge an, um Zeit für die Familie zu haben.“ Die Gäste applaudieren. Eine hochrangige Politikerin, die nicht denkt, dass es ohne sie nicht geht – das nötigt Respekt ab.

Autorenbeitrag der Frankenpost zur Verfügung gestellt für die Digitale-Schule-Bayern.

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Eckehart Weiß


© Ausgangstext mit freundlicher Genehmigung der Frankenpost Foto und Text von Matthias Will

Text und Foto dürfen auschließlich nur für unterrichtliche Zwecke verwendet werden. Jede andere Form der Veröffentlichung bedarf der Genehmigung des Autors.

Methodische Erläuterungen: Eckehart Weiß

Textzusammenfassung: Elmar Lanzmich

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