3.1 Untersuchung des Textes

Aus Digitale Schule Bayern
Wechseln zu: Navigation, Suche


3.1 Untersuchung des Textes

Im Sinne einer Stoffsammlung für die Erschließung und Interpretation empfiehlt es sich zunächst, den Text nach den Erschließungsmöglichkeiten zu untersuchen. Hilfreich dabei ist schon die Abschnittsgliederung der Vorlage. Insgesamt geht es aber darum, die Grundkomposition mit sprachlich sinnvollen Gliederungspunkten herauszufinden. Die reine Abschnittsgliederung verführt zu einer naiven Textdarstellung: Es heißt dann: „Im ersten Abschnitt beschreibt der Autor, in den folgenden Abschnitten entwickelt sich die Haupthandlung, etc...“. Wesentlich gehobener und stilistisch eleganter wirkt eine Zusammenfassung, die wirklich kompositorische Elemente erfasst. Kompositorische Elemente lassen sich mit Fachbegriffe erfassen wie: Erzählrahmen, Exposition, erregendes Moment, Handlungsauslöser, steigende Handlung, Peripetie – Wendung, fallende Handlung, retardierende Momente, Parallelhandlung. Diese Begrifflichkeiten müssen während des Unterrichts eingeübt werden.

Im folgenden Text sind die Hauptorte grün markiert, die Personen blau,wörtliche Reden gelb,temporale Angaben rot. Das Durcharbeiten dieser Textschlüssel in getrennten Untersuchungsschritten trägt bereits erheblich zur Vertiefung in den Text bei. Die Zwischenüberschriften (rot) als Vorschlag zur Grundkomposition folgen als letzter Arbeitsschritt. Bei dem folgenden Textauszug handelt es sich um das Schlusskapitel von Adalbert von Chamissos märchenhafter Novelle „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“. Die Erschließung und Interpretation setzt voraus, dass die Schüler die Gesamtnovelle gelesen haben.



Adelbert von Chamisso (1781 – 1838)

Peter Schlemihls wundersame Geschichte, Kap. XI

Als ich einst auf Nordlands Küsten, meine Stiefel gehemmt, Flechten und Algen sammelte, trat mir unversehens um die Ecke eines Felsens ein Eisbär entgegen. Ich wollte, nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine gegenüber liegende Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen hervorragender nackter Felsen den Obergang bahnte. Ich trat mit dem einen Fuß auf den Felsen fest auf, und stürzte auf der andern Seite in das Meer, weil mir unbemerkt der Pantoffel am anderen Fuß haften geblieben war.

Die große Kälte ergriff mich, ich rettete mit Mühe mein Leben aus dieser Gefahr; sobald ich Land hielt, lief ich, so schnell ich konnte nach der Libyschen Wüste, um mich da an der Sonne zu trocknen. Wie ich ihr aber ausgesetzt war, brannte sie mir so heiß auf den Kopf, daß ich sehr krank wieder nach Norden taumelte. Ich suchte durch heftige Bewegung mir Erleichterung zu verschaffen, und lief mit unsichern raschen Schritten von Westen nach Osten und von Osten nach Westen. Ich befand mich bald in dem Tag und bald in der Nacht; bald im Sommer und bald in der Winterkälte.


Ich weiß nicht wie lange ich so auf der Erde herumtaumelte. Ein brennendes Fieber glühte durch meine Adern, ich fühlte mit großer Angst die Besinnung mich verlassen. Noch wollte das Unglück, daß ich bei so unvorsichtigem Laufen jemanden auf den Fuß trat. Ich mochte ihm weh getan haben; ich erhielt einen starken Stoß und ich fiel hin.-


Als ich zuerst zum Bewußtsein zurückkehrte, lag ich gemächlich in einem guten Bette, das unter vielen andern Betten in einem geräumigen und schönen Saale stand. Es saß mir jemand zu Häupten; es gingen Menschen durch den Saal von einem Bette zum andern. Sie kamen vor das meine und unterhielten sich von mir. Sie nannten mich aber Numero Zwölf, und an der Wand zu meinen Füßen stand doch ganz gewiß, es war keine Täuschung, ich konnte es deutlich lesen, auf schwarzer Marmortafel mit großen goldenen Buchstaben mein Name

PETER SCHLEMIHL

ganz richtig geschrieben. Auf der Tafel standen noch unter meinem Namen zwei Reihen Buchstaben, ich war aber zu schwach, um sie zusammen zu bringen, ich machte die Augen wieder zu. -


Ich hörte etwas, worin von Peter Schlemihl die Rede war, laut und vernehmlich ablesen, ich konnte aber den Sinn nicht fassen; ich sah einen freundlichen Mann und eine sehr schöne Frau in schwarzer Kleidung vor meinem Bette erscheinen. Die Gestalten waren mir nicht fremd und ich konnte sie nicht erkennen. Es verging einige Zeit, und ich kam wieder zu Kräften. Ich hieß Numero Zwölf, und Numero Zwölf galt seines langen Bartes wegen für einen Juden, darum er aber nicht minder sorgfältig gepflegt wurde. Daß er keinen Schatten hatte, schien unbemerkt geblieben zu sein. Meine Stiefel befanden sich, wie man mich versicherte, nebst allem, was man bei mir gefunden, als ich hieher gebracht worden, in gutem und sicherm Gewahrsam, um mir nach meiner Genesung wieder zugestellt zu werden. Der Ort, worin ich krank lag, hieß das SCHLEMIHLIUM; was täglich von Peter Schlemihl abgelesen wurde, war eine Ermahnung, für denselben, als den Urheber und Wohltäter dieser Stiftung, zu beten. Der freundliche Mann, den ich an meinem Bette gesehen hatte, war Bendel, die schöne Frau war Mina. Ich genas unerkannt im Schlemihlio, und erfuhr noch mehr, ich war in Bendels Vaterstadt, wo er aus dem Überrest meines sonst nicht gesegneten Goldes dieses Hospitium, wo Unglückliche mich segneten, unter meinem Namen gestiftet hatte, und er führte über dasselbe die Aufsicht. Mina war Witwe, ein unglücklicher Kriminal-Prozeß hatte dem Herrn Rascal das Leben und ihr selbst ihr mehrstes Vermögen gekostet. Ihre Eltern waren nicht mehr. Sie lebte hier als eine gottesfürchtige Witwe, und übte Werke der Barmherzigkeit.


Sie unterhielt sich einst am Bette Numero Zwölf mit dem Herrn Bendel:
»Warum, edle Frau, wollen Sie sich so oft der bösen Luft, die hier herrscht, aussetzen? Sollte denn das Schicksal mit Ihnen so hart sein, daß Sie zu sterben begehrten?« - »Nein, Herr Bendel, seit ich meinen langen Traum ausgeträumt habe, und in mir selber erwacht bin, geht es mir wohl, seitdem wünsche ich nicht mehr und fürchte nicht mehr den Tod. Seitdem denke ich heiter an Vergangenheit und Zukunft. Ist es nicht auch mit stillem innerlichen Glück, daß Sie jetzt auf so gottselige Weise Ihrem Herrn und Freunde dienen?« - »Sei Gott gedankt, ja, edle Frau. Es ist uns doch wundersam ergangen, wir haben viel Wohl und bitteres Weh unbedachtsam aus dem vollen Becher geschlürft. Nun ist er leer; nun möchte einer meinen, das sei alles nur die Probe gewesen, und, mit kluger Einsicht gerüstet, den wirklichen Anfang erwarten. Ein anderer ist nun der wirkliche Anfang, und man wünscht das erste Gaukelspiel nicht zurück, und ist dennoch im Ganzen froh, es, wie es war, gelebt zu haben. Auch find ich in mir das Zutrauen, daß es nun unserm alten Freunde besser ergehen muß, als damals.« - »Auch in mir«, erwiderte die schöne Witwe, und sie gingen an mir vorüber.
Dieses Gespräch hatte einen tiefen Eindruck in mir zurückgelassen; aber ich zweifelte im Geiste, ob ich mich zu erkennen geben oder unerkannt von dannen gehen sollte. - Ich entschied mich. Ich ließ mir Papier und Bleistift geben, und schrieb die Worte:
 »Auch Eurem alten Freunde ergeht es nun besser als damals, und büßet er, so ist es Buße der Versöhnung.« 
Hierauf begehrte ich mich anzuziehen, da ich mich stärker befände. Man holte den Schlüssel zu dem kleinen Schrank, der neben meinem Bette stand, herbei.


Ich fand alles, was mir gehörte, darin. Ich legte meine Kleider an, hing meine botanische Kapsel, worin ich mit Freuden meine nordischen Flechten wieder fand, über meine schwarze Kurtka um, zog meine Stiefel an, legte den geschriebenen Zettel auf mein Bett, und so wie die Tür aufging, war ich schon weit auf dem Wege nach der Thebais. Wie ich längs der syrischen Küste den Weg, auf dem ich mich zum letzten Mal vom Hause entfernt hatte, zurücklegte, sah ich mir meinen armen Figaro entgegen kommen. Dieser vortreffliche Pudel schien seinem Herrn, den er lange zu Hause erwartet haben mochte, auf der Spur nachgehen zu wollen. Ich stand still und rief ihm zu. Er sprang bellend an mich mit tausend rührenden Äußerungen seiner unschuldigen ausgelassenen Freude. Ich nahm ihn unter den Arm, denn freilich konnte er mir nicht folgen, und brachte ihn mit mir wieder nach Hause. Ich fand dort alles in der alten Ordnung, und kehrte nach und nach, so wie ich wieder Kräfte bekam, zu meinen vormaligen Beschäftigungen und zu meiner alten Lebensweise zurück. Nur daß ich mich ein ganzes Jahr hindurch der mir ganz unzuträglichen Polar-Kälte enthielt.

Und so, mein lieber Chamisso, leb ich noch heute. Meine Stiefel nutzen sich nicht ab, wie das sehr gelehrte Werk des berühmten Tieckius, »De rebus gestis Pollicilli«, es mich anfangs befürchten lassen. Ihre Kraft bleibt ungebrochen; nur meine Kraft geht dahin doch hab ich den Trost, sie an einen Zweck in fortgesetzter Richtung und nicht fruchtlos verwendet zu haben. Ich habe, so weit meine Stiefel gereicht, die Erde, ihre Gestaltung, ihre Höhen, ihre Temperatur, ihre Atmosphäre in ihrem Wechsel, die Erscheinungen ihrer magnetischen Kraft, das Leben auf ihr, besonders im Pflanzenreiche gründlicher kennen gelernt, als vor mir irgend ein Mensch. Ich habe die Tatsachen mit möglichster Genauigkeit in klarer Ordnung aufgestellt in mehrern Werken, meine Folgerungen und Ansichten flüchtig in einigen Abhandlungen niedergelegt. - Ich habe die Geographie vom Innern von Afrika und von den nördlichen Polarländern, vom Innern von Asien und von seinen östlichen Küsten, festgesetzt. Meine »Historia stirpium plantarum utriusque orbis« steht da als ein großes Fragment der Flora universalis terrae, und als ein Glied meines Systema naturae. Ich glaube darin nicht bloß die Zahl der bekannten Arten müßig um mehr als ein Drittel vermehrt zu haben, sondern auch etwas für das natürliche System und für die Geographie der Pflanzen getan zu haben. Ich arbeite jetzt fleißig an meiner Fauna. Ich werde Sorge tragen, daß vor meinem Tode meine Manuskripte bei der Berliner Universität niedergelegt werden.


Und Dich, mein lieber Chamisso, hab ich zum Bewahrer meiner wundersamen Geschichte erkoren, auf daß sie vielleicht, wenn ich von der Erde verschwunden bin, manchen ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen könne.


Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst Du nur Dir und Deinem bessern Selbst leben, o, so brauchst Du keinen Rat.



(Quelle: Adalbert von Chamisso „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“)


A. (einleitender Sinnabschnitt) – Unfall, Krankheit und Ohnmacht Peter Schlemihls

In diesem Text spielt die temporale Struktur eine geringe Rolle. Die beiden großen Orte, Peters Welt und die Heimatstadt seines ehemaligen Dieners Bendel, strukturieren den Text. Peter kann sich mit Hilfe seiner Siebenmeilenstiefel auf der ganzen Welt bewegen. (Nordlands Küsten – Westen – Osten – Libysche Wüste).Der Wirkungsort seines ehemaligen Dieners Bendel bleibt dagegen eng begrenzt, eben auf die Heimatstadt. (Siehe unten!) Ferner hilft es, den Anfang und das Ende eines literarischen Textes zu betrachten. In der Mitte liegt dann der zentrale Text, der nach der Buchstaben-Ziffern-Gliederung mit B. bezeichnet wird. Der Anfang – hier Peters Irren auf der Erde – erhält den Ordnungsbuchstaben A. Das Ende - in diesem Text Peters Vermächtnis - erhält den Ordnungsbuchstaben C. Die temporalen Angaben bleiben unbestimmt. „Einst“ weist daraufhin, dass das Geschehen schon lange zurückliegt und die Krankheitsgeschichte durchaus über ein Jahr gedauert hat.









B. Peter trifft zum letzten Mal auf seine alten Freunde

I. Das Schlemihlium – Entstehung - Bedeutung

Gleichfalls unbestimmt ist die Aufenthaltsdauer im Schlemihlium. Nur die ersten Tage schildert der Autor genau. Als Zeitangabe dient der temporale Nebensatz „Als ich zuerst zum Bewusstsein zurückkehrte,...“ Danach bleibt die Zeitdauer ungewiss.








II. Wiedersehen mit den alten Freunden – Peter gibt sich nur indirekt zu erkennen

Die Personenkonstellation erklärt sich aus der Vorgeschichte. Bendel hat Peter als treuer Diener stets beigestanden. Mina, seine große Liebe, wurde von ihrem Vater an Peters zweiten, aber betrügerischen Diener, Rascal, verheiratet. Der Vater konnte Peters Schattenlosigkeit nicht akzeptieren.




















III. Vergangenheitsbewältigung von Bendel und Mina

Die direkte Rede in einem literarischen Text ist immer bedeutend. Sie stellt stets zeitdeckendes Erzählen dar. Somit entspricht die Erzählzeit der erzählten Zeit. Hier markiert sie einen deutlichen Perspektivenwechsel zu den beiden anderen Hauptpersonen Mina und Bendel, indirekt auch zu Rascal und Minas Eltern. Der Leser erfährt wie Peters Freunde die Vergangenheit sehen und verarbeitet haben.
























IV. Peters Rückkehr in sein Leben als Wissenschaftler

Peters Hund ist nicht unerheblich. Da Peter ohne Schatten leben muss, spendet ihm der Hund Ausgleich für menschliche Ansprache und emotionale Wärme in seiner selbst gewählten Isolation als Wissenschaftler.













C. Direkter Appell an den Autor – Peters Vermächtnis

I. Beschreibung seiner Werke und Stiftung

Die direkte Anrede an Chamisso hat mit der Gesamtkomposition der Novelle zu tun. Es handelt sich im Grunde um das klassische Konzept eines Briefromans.

Deutlicher Perspektivenwechsel des Autors zum auktorialen Erzähler. Er wendet sich direkt an seinen Freund, beschreibt sein Lebenswerk,



seine Stiftung, sichert die Publikation seiner Erlebnisse













II. Herausgabe seiner Lebensgeschichte




III. Appell an die künftigen Leser

und kommentiert sein eigenes Schicksal in einer direkten Anrede an den Leser




Eckehart Weiß, Laura Neuber, Erweiterte Inhaltsangabe in der 9. Jahrgangsstufe als Vorstufe der Erschließung und Interpretation literarischer Texte, in: deutsch.digital - Aufsatzerziehung für die Mittelstufe

Quelle: [1]