Erzählperspektiven

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Inhaltsverzeichnis

Erzählperspektiven

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Die verschiedenen Erzählperspektiven

Das in epischen Texten zu vermittelnde Geschehen kann in der Weise mitgeteilt werden, dass

a) die Figuren sich selbst mitteilen (direkte, indirekte, erlebte Rede; innerer Monolog, Bewusstseinsstrom) oder
b) ein Erzähler als vermittelnde Instanz auftritt.


1. Die auktoriale Erzählsituation

Der Erzähler befindet sich außerhalb der von ihm dargestellten Welt. Er weiß, wie das Geschehen verlaufen wird und warum die Personen so und nicht anders handeln (allwissender, olympischer Erzähler). Er kann das Geschehene sachlich referieren, sich aber auch in das Geschehen einschalten, indem er auf Zukünftiges vorausweist, Vergangenes oder Gegenwärtiges kommentiert, sich von der Handlungsweise der Figuren distanziert oder das Geschehen aus seiner Sicht bewertet (Erzählerbericht bzw. Erzählerkommentar). Im Extremfall kann der Erzählerkommentar das fiktive Geschehen völlig überlagern. Im Allgemeinen jedoch hält sich der Erzähler im Hintergrund und beschränkt sich auf die Darstellung der fiktiven Wirklichkeit und auf wenige Einmischungen.


2. Die personale Erzählsituation

Hier tritt der Erzähler völlig hinter das zu vermittelnde Geschehen zurück. Es gibt keinen Erzähler als Vermittler zwischen fiktiver Wirklichkeit und Leser. Der Leser betrachtet die dargestellte Welt durch die Augen einer Romanfigur („Reflektorfigur“). Dadurch wird beim Leser der Eindruck der Unmittelbarkeit erweckt. Das Geschehen wird weitgehend durch Formen der Personenrede vermittelt.


3. Die Ich-Erzählsituation

Der fiktive Erzähler ist hier selbst Teil der dargestellten Wirklichkeit; er erlebt das Geschehen mit, ja er ist Teil dieses Geschehens. Er weiß also nur, was er durch eigenes Erleben, allenfalls durch Mitteilungen Dritter erfahren hat. Diese subjektive Beschränkung vermittelt dem Leser ein besonders tiefes Gefühl der Verbundenheit mit dem erzählenden Ich und kann gleichsam zu einem augenzwinkernden Einverständnis zwischen Ich-Erzähler und Leser führen (so z. B. in Th. Manns „Die Bekentnisse des Hochstaplers Felix Krull“).


Zitiert nach: Dr. Baptist Deinlein, Erzählsituation - Erzählperspektive - Erzählverhalten - Erzählformen - Zeitgestaltung, in: deutsch-digital.de



Aufgabe 1

Ordnen Sie die genannten Merkmale der jeweiligen Erzählperspektive zu.

auktorialer Erzähler kommentierend wertend kann die Gedanken der einzelnen Personen lesen allwissend Distanzierung von der Handlungsweise der Figuren erkennbare Leser-Erzähler-Kommunikation
personaler Erzähler Er-Erzähler Leser betrachtet die Handlung durch die Augen einer Romanfigur, kann also nur erkennen, was die Figur wahrnimmt Keine erläuternden Bemerkungen
Ich-Erzähler Teil des Geschehens Erzähler und Handlungsfigur sind eins begrenzte Perspektive emotionale Nähe zum Geschehen
neutraler Erzähler Ausnahme: kein Erzähler wahrnehmbar


Aufgabe 2

Ordnen Sie die nachfolgenden Textbeispiele einer Erzählperspektive zu. Erläutern Sie nachfolgend, warum...

„Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche?“ (Kafka, Heimkehr)

(Ich-Erzähler) (!personaler Erzähler) (!auktorialer Erzähler) (!neutraler Erzähler)


„An einem unfreundlichen Novembertag wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen, reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben. Denn er hatte wegen des Falliments irgendeines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagbrot herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, einen weiten, dunkelgrauen Radmantel trug, mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der seinem Träger ein, edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange, schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser, aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.“ (Keller, Kleider machen Leute)


(!Ich-Erzähler) (!personaler Erzähler) (auktorialer Erzähler) (!neutraler Erzähler)


„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. - Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.“ (Kleist, Michael Kohlhaas)

(!Ich-Erzähler) (!personaler Erzähler) (auktorialer Erzähler) (!neutraler Erzähler)


„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglichen dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“ (Kafka, Die Verwandlung)

(!Ich-Erzähler) (personaler Erzähler) (!auktorialer Erzähler) (!neutraler Erzähler)


„Wahrscheinlich, daß sich dies Gespräch über den Fürsten noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblicke die von der Bahn her herüberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug angemeldet hätte.“

- Fontane: Effi Briest, S. 96-97

(!Ich-Erzähler) (!personaler Erzähler) (auktorialer Erzähler) (!neutraler Erzähler)




Erzählformen

Aufgabe

Ordnen Sie den einzelnen Erzählweisen die passenden Merkmale zu!

Szenisches Erzählen Überwiegen von Personenreden (Figurenreden) Dominanz von Dialogen Zurücktreten berichtender Passagen kaum Erzählerberichte
Berichtendes Erzählen Zurücktreten der Personenrede (Figurenrede) kaum Dialoge Vorherrschen von Erzählberichten
Kontinuierliches Erzählen Einhalten der chronologischen Abfolge im Handlungsverlauf Vermeiden von Erzählbrüchen und Zeitsprüngen
Diskontinuierliches Erzählen Bewusstes Durchbrechen der chronologischen Abfolge oft bewusstes Spiel mit Erzählbrüchen und Zeitsprüngen



Figurenrede

Aufgabe

Ordnen Sie den einzelnen Formen der Figurenrede die passenden Merkmale zu!

Innerer Monolog/Bewusstseinsstrom Gedanken werden wörtlich zitiert Grammatik spielt keine Rolle unstrukturierte und assoziative Sätze
erlebte Rede Gedanken einer Figur werden unmittelbar durch einen auktorialen Erzähler wiedergegeben Vergangenheit 3. Person Beibehaltung der Perspektive der Figur
Rede-/Gedankenbericht zusammenfassende Wiedergabe der Inhalte der Gedanken/Rede durch einen Erzähler
indirekte Rede Erzähler gibt Äußerungen einer Figur 1:1 wieder Nebensätze mit "dass" Konjunktiv
direkte Rede Äußerungen einer Figur werden wörtlich wiedergegeben Redeankündigung Doppelpunkt Anführungszeichen





Zeitgestaltung

Aufgabe

Ordnen Sie den genannten Formen der Zeitgestaltung die passende Definition zu.


Erzählzeit Zeit, die der Erzähler für die Wiedergabe seiner Geschichte braucht bzw. die der Leser zur Lektüre benötigt.
Erzählte Zeit Zeitraum, über den sich die erzählte Geschichte erstreckt.
Zeitraffung Erzählte Zeit ist größer als die Erzählzeit.
Zeitdehnung Erzählzeit ist größer als die erzählte Zeit (z. B. beim inneren Monolog oder Bewusstseinsstrom bzw. Sekundenstil)
Zeitdeckung Erzählzeit und erzählte Zeit (annähernd) identisch (z. B. bei Dialogen)



Aufgabe
Zeitdehnung oder Zeitraffung?


„So verlief denn auch die Reise. Drüben in Jütland fuhren sie den Limfjord hinauf, bis Schloß Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der Penzschen Familie verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen und kürzeren und längeren Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel, über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück - nicht direkt nach Berlin in die Keithstraße, wohl aber vorher nach Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben wollte.“

- Fontane: Effi Briest, S. 241

(Zeitraffung) (!Zeitdehnung)

„Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebensolanger Zeit eine kleine Wohnung in der Königgrätzer Straße, zwischen Askanischem Platz und Halleschem Tor“

- Fontane: Effi Briest, S. 294

(Zeitraffung) (!Zeitdehnung)


„Der Zug wurde sichtbar – er kam näher – in unzählbar sich überhastenden Stößen fauchte der Dampf aus dem schwarzen Maschinenschlote. Da: ein – zwei – drei milchweiße Dampfstrahlen quollen kerzengerade empor, und gleich darauf brachte die Luft den Pfiff der Maschine getragen. Dreimal hintereinander, kurz, grell, beängstigend. Sie bremsen, dachte Thiel, warum nur? Und wieder gellten die Notpfiffe schreiend, den Widerhall weckend, diesmal in langer, ununterbrochener Reihe. “

– Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel

(!Zeitraffung) (Zeitdehnung)



Aufgabe
Rückblende und Vorausdeutung

Welcher der beiden Texte beinhaltet eine Rückblende, welcher eine Vorausdeutung? Begründen Sie Ihre Auffassung!


Beispiel 1

(Franz Biberkopf wird von seinem absoluten Feind Reinhold nach einem Einbruch mit der Pumsbande aus einem Lastwagen vor ein Auto geworfen: Er wacht am 9. April vormittags in einer Privatklinik in Magdeburg auf und dann wird erzählt, was des Nachts in Berlin geschah.)

Das große Privatauto, in das Franz Biberkopf gelegt wird ‑ohne Bewusstsein, er hat Kampfer und Skopolaminmorphium bekommen ‑ rast zwei Stunden. Dann ist man in Magdeburg. Nahe einer Kirche wird er ausgeladen, in der Klinik läuten die beiden Männer Sturm. Er wird noch in der Nacht operiert ...

Um elf ist Verbandswechsel. Es ist Montag vormittags ‑ die Urheber des Malheurs krakehlen um diese Stunde, einschließlich Reinhold, fröhlich und schwerbesoffen bei ihrem Hehler in Weißensee ‑, Franz ist ganz wach, liegt in einem feinen Bett, in einem feinen Zimmer, die Brust ist ihm eng und furchtbar ein­gepackt, er fragt die Schwester, wo er ist. Die sagt, was sie von der Nachtschwester gehört hat und bei dem Gespräch vorhin aufgeschnappt hat. Er ist wach. Versteht alles, tastet nach seiner rechten Schulter. Die Schwester legt die Hand wieder zurück: ganz ruhig liegen. Da war in dem Straßenmatsch aus seinem Ärmel Blut gelaufen, er hatte es gefühlt. Dann waren Leute neben ihm, und in dem Moment geschah etwas in ihm. In dem Moment ereignete sich etwas in ihm. Was hatte sich in dem Moment in Franz ereignet? Er hatte eine Entscheidung getroffen. Bei den eisernen Armschlägen Reinholds im Hausflut am Bülowplatz hatte er gezittert, der Boden zitterte unter ihm, Franz begriff nichts.

Als das Auto mit ihm fuhr, zitterte der Boden noch, Franz wollte es nicht merken, aber es war doch da.

Wie er dann im Matsch lag, 5 Minuten Unterschied, bewegte es sich in ihm. Es riss etwas durch, es brach durch und tönte, tönte. Franz ist steinern, er fühlt, ich bin überfahren, er ist kühl und ruhig. Franz merkt, ich geh vor die Hunde ‑ und er gibt Befehle. Vielleicht geh ich kaputt, schadt nichts, aber ich geh nicht kaputt. Vorwärts. Man bindet ihm mit seinem Hosenträger den Arm ab. Dann wollen sie ihn ins Krankenhaus Pankow fahren. Aber er passt wie ein Schießhund auf jede Bewegung: Nein, nicht ins Krankenhaus, und sagt eine Adresse. Welche Adresse? Elsässerstraße, Herbert Wischow, sein Kollege aus einer früheren Zeit, vor Tegel. Die Adresse ist im Moment da. Das bewegt sich in ihm, wie er im Matsch liegt, reißt durch, bricht durch, tönt und tönt. Im Moment ist der Ruck in ihm erfolgt, es gibt keine Unsicherheit.

Sie sollen mich nicht erwischen. Er ist sicher, Herbert wohnt noch da und ist jetzt zu Haus. Die Leute rennen durch das Lokal in der Elsässerstraße, sie fragen nach einem Herbert Wischow. Da steht schon ein schlanker junger Mann auf neben einer schönen schwarzen Frau, was ist los, was, draußen im Auto, rennt mit ihnen zum Auto raus, das Mädchen hinterher, das halbe Lokal mit. Franz weiß, wer jetzt kommt. Er befiehlt der Zeit.

Franz und Herbert erkennen sich. Franz flüstert ihm zehn Worte zu, die machen draußen Platz , Franz wird im Lokal hinten auf ein Bett gelegt, ein Arzt wird geholt, Eva, die schöne Schwarze, bringt Geld. Sie ziehen ihm andere Sachen an. Eine Stunde nach dem Überfall fährt man im Privatauto aus Berlin nach Magdeburg.

- aus: A. Döblin, Berlin Alexanderplatz

Beispiel 2

Zweites Buch

Damit haben wir unseren Mann glücklich nach Berlin gebracht. Er bat seinen Schwur getan, und es ist die Frage, ob wir nicht einfach aufhören sollen. Der Schluss scheint freundlich und ohne Verfänglichkeit, es scheint schon ein Ende, und das Ganze bat den großen Vorteil der Kürze.

Aber es ist kein beliebiger Mann, dieser Franz Biberkopf. Ich habe ihn hergerufen Zu keinem Spiel, sondern zum Erleben seines schweren, wahren und aufhellenden Daseins.

Franz Biberkopf ist schwer gebrannt, er steht jetzt vergnügt und breitbeinig im Berliner Land, und wenn er sagt, er will anständig sein, so können wir ihm glauben, er wird es sein.

Ihr werdet sehen, wie er wochenlang anständig ist. Aber das ist gewissermaßen nur eine Gnadenfrist.

- aus: A. Döblin, Berlin Alexanderplatz







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MERKE

In vielen Texten wird die Erzählperspektive nicht streng eingehalten ‑ es findet dabei meistens ein Wechsel zwischen der auktorialen und der personalen Erzählperspektive statt. Wenn man die Erzählperspektive eines Prosatextes untersucht, sollte man untersuchen, wie der Autor mit den hier skizzierten Grundtypen. umgeht und in welcher Weise er die Möglichkeiten der jeweiligen Erzählperspektive nutzt.






Quellen: