Erschließung poetischer Texte am Beispiel von Kafkas Parabel Heimkehr

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Erschließung poetischer Texte (Kurzprosa) am Beispiel von Franz Kafka "Heimkehr"

Bei der Erschließung poetischer Texte kommt es zunächst auf das Verstehen des Textes an. Erschließung bedeutet in diesem Zusammenhang Analyse und Deutung des ausgewählten Textes. Mit der Analyse und Deutung verbindet sich in der Regel ein Erörterungsauftrag oder die Aufforderung, zu einem Aspekt des Textes Stellung zu nehmen. Im Wesentlichen sind damit auch die Arbeitsschritte festgelegt. Zunächst geht es um analytische Gesichtspunkte. Dazu gehört die Inhaltsangabe. Hinzu kommen weitere Untersuchungspunkte wie Aufbau, Erzählperspektiven und andere Aspekte wie die sprachliche Gestaltung. Die in der Analyse erkannten Merkmale verbinden sich mit Aussagen zur Deutung. Am Ende der Texterschließung ist häufig eine Stellungnahme im Sinne einer verkürzten Erörterung bzw. eine literaturgeschichtliche Einordnung gefordert.


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Texterläuterungen: Alexandra Weber und Eckehart Weiß


Inhaltsverzeichnis

Literarisches Grundwissen wiederholen

Textarten

Wir unterscheiden in der Epik verschiedene Textsorten bzw. Textarten, denen bestimmte Merkmale zu Grunde liegen. Diese sollten Sie sich gut einprägen, da Sie sie immer wieder für die Textinterpretation benötigen. Die Merkmale der einzelnen Textarten können Ihnen bei der Deutung helfen. So behandelt zum Beispiel eine Kurzgeschichte in der Regel ein Alltagsgeschehen, während eine Parabel ein eher abstraktes Problem, eine Fabel hingegen eine Lehre verschlüsselt vermittelt.

Kurzgeschichte Die Kurzgeschichte gehört zu einer der wichtigsten Textgattungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie ist gekennzeichnet durch
  • einen Einstieg ohne längere Einleitung;
  • eine kurze, einsträngige Handlung ohne Nebenhandlungen;
  • einen geringen Ortswechsel;
  • wenige Personen, die nicht näher charakterisiert werden und dem Alltag entnommen werden;
  • eine kurze Zeitspanne;
  • einen offenen Schluss.

Damit zeigt die Kurzgeschichte einen kleinen, mosaikartigen Ausschnitt aus einer Realität, die sich nicht mehr auktorial (vgl. Erzählperspektiven) als ein überschaubares Ganzes darstellen lässt.

Fabel Eine lehrhafte Erzählung mit einer Moral, in der Tiere die Rolle von Menschen als gesellschaftsbedingten Wesen übernehmen. Damit enthalten Fabeln Handlungsmaximen für den Menschen in seinem sozialen Umfeld. (vgl. Aesop)
Kalendergeschichte Kurze, meistens lehrhafte Erzählung, die aber gleichzeitig der Unterhaltung dienen soll (vgl. J.P. Hebel, P. Rosegger u. a.). Auch Schriftsteller des 20. und 21. Jahrhunderts wie zum Beispiel Bertold Brecht bedienten sich dieser Textsorte.
Anekdote Eine kurze, wahre Begebenheit aus dem Leben eines – in der Regel bekannten - Menschen, die diesen, bzw. die menschliche Natur und Psyche allgemein charakterisiert. (vgl. Anekdoten von H. v. Kleist)
Parabel


Aufgabe 1:

Schlagen Sie unter dem folgenden Link nach und informieren Sie sich über die Textgattung „Parabel“! Notieren Sie die wichtigsten Stichpunkte unter der angegebenen Tabelle!

Aufgabe 1


  • Parabel wurzelt in der antiken Rhetorik
  • Hat im Lauf der Geschichte unter Beibehaltung bestimmter Grundstrukturen alle Begrenzungen einzelner Gattungen überschritten
  • Unterschiedliche Parabelformen: Absurde Parabel (Beckett), Biblische Parabel (A.T., N.T.), Didaktische Parabel (Lessing), Verrätselte Parabel (Kafka)


Textsortenmerkmale


  • Gegenüberstellung von Bildbereich – Gedankenbereich/Grundbereich – Vergleichsbereich/ Bildhälfte – Sachhälfte -> Analogieschluss statt direktem Verweis, d.h. der Leser muss den Sinn selbst entschlüsseln
  • will allgemeine Wahrheit vermitteln
  • lehrhaft, didaktisch, aufklärerisch  Affinität zu Gleichnis, Fabel, Allegorie, Vergleich
  • gleichnishafte Beispielgeschichte
  • distanziert
  • Veranschaulichung eines abstrakten Gedankens
  • allgemein interessierender Einzelfall
  • ungewöhnlicher Vorfall


Aufgabe 2:

Um welche Textsorte handelt es sich bei Kafkas Erzählung „Heimkehr“? Begründen Sie Ihre Entscheidung anhand der obigen Definitionen sowie am Text selbst. Lesen Sie sich dafür die Erzählung „Heimkehr“ von Franz Kafka durch!



Erzählverhalten

Bei der Analyse von Erzähltexten spielt die Klärung der Erzählsituation eines Textes eine große Rolle. Man unterscheidet bei fiktionalen Erzähltexten grundsätzlich zwischen dem Autor als realem „Schöpfer“ der Erzählung und dem Erzähler bzw. der Erzählinstanz als fiktionsinterne Größe. Der Erzähler kann dabei entweder so präsent sein, dass fast der Eindruck einer „Person“ entsteht, oder aber ohne feste Umrisse bleiben und nahezu vollständig hinter den Text zurücktreten. Welchen Stellenwert der Erzähler bzw. die Erzählinstanz in einem Text hat, in welchem Verhältnis er zu der Geschichte steht, aus welcher Perspektive und in welcher Form erzählt wird, dies alles wird unter dem Begriff der „Erzählsituation“ zusammengefasst.

Erzählperspektive

Wir unterscheiden im Wesentlichen drei Erzähler:

Ich-Erzähler In der Regel die Hauptperson, die das Geschehen aus ihrer Sicht erzählt. Alles, was sie über andere Personen wie auch über die eigene Handlungsmotivation erzählt, ist subjektiv, auch wenn es in der Geschichte als objektiv erscheint.
Auktorialer Erzähler Allwissender, gottgleicher Erzähler, der das ganze Geschehen kennt und überblickt. Er kennt Gedanken und Handlungsmotive aller Personen und arrangiert das Geschehen bewusst.
Er-Erzähler/

Personaler Erzähler

Das Geschehen wird aus der Sicht einer der beteiligten Personen (dies muss keine Hauptperson sein) geschildert. Wie beim Ich-Erzähler wird das Geschehen damit zwar als objektiv geschildert, aber subjektiv gesehen.


Aufgabe 1:

Welche Erzählperspektive verwendet Kafka? Erläutern Sie die Wirkung dieser Perspektive.

Aufgabe 1

Bei der Erzählperspektive handelt es sich um einen Ich-Erzähler. Durch ihn erfahren wir die Gedanken und Gefühle des Protagonisten. Damit wird die Handlung aus subjektiver Sicht wiedergegeben. Dennoch bleibt das Ich fiktiv und kann nicht mit dem Autor gleichgesetzt werden.


Aufgabe 2:

Da diese drei Erzählsituationen zentral für die Texterschließung sind, finden Sie hier noch eine zusätzliche Webübung zum Thema Erzählperspektiven.

Erzählzeit vs. erzählte Zeit

Diese Begrifflichkeiten sollten Sie kennen. Bei der Textanalyse wird die erzählte Zeit analysiert, d.h. in welchem Zeitraum die Geschichte spielt.


Erzählzeit Die Zeit, die man braucht, um die Geschichte zu erzählen, zu lesen.
Erzählte Zeit Der Zeitraum, den die Geschichte, einschließlich der Vorgeschichte, um-fasst. Hinweise für die Analyse und Interpretation: Wo klaffen erzählte Zeit und Erzählzeit stark auseinander, wo sind sie identisch, wo ist die Erzählzeit kürzer, wo länger als die erzählte Zeit (Raffung und Dehnung)?

Die Zeitstruktur eines Textes kann wesentlich dazu beitragen, den Aufbau zu durchschauen.


Aufgabe 3:

Zeigen Sie das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit in Kafkas Text auf. Nennen Sie insbesondere Zeit dehnende und Zeit raffende Passagen. Welche Wirkung wird dadurch erzielt?

Aufgabe 3

Die Komposition des Textes entspricht einer Gedankenbewegung des Ankommenden, der zunächst den verwahrlosten elterlichen Hof betrachtet, sich dann gedanklich in das Innere bewegt und sich schließlich entschließt, nicht heimzukehren. Es handelt sich damit um ein deutlich Zeit dehnendes Erzählen, denn der eigentliche Gedankengang dürfte kürzer sein, als die Zeit, die der Leser benötigt, diese Parabel vorzutragen.

Ortsstruktur

Aufgabe:

Untersuchen Sie den Text im Hinblick auf die Ortsstruktur. Welche Orte werden genannt? Wie werden Sie beschrieben? Versuchen Sie anschließend daraus für sich eine Deutung abzuleiten.

Fanz Kafka: Heimkehr Deutung/Assoziation
Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Ich wage nicht an der Küchentüre zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will?

Lösung der Aufgabe


Wichtig erscheint hier der symbolische Charakter der einzelnen Orte, die im Text genannt werden. Zu Beginn des Textes wird der Hof des Vaters beschrieben („Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind.“). Er wirkt unwirtlich und vermittelt nicht das Gefühl des Willkommenseins. Auch das Haus des Vaters wird als „kalt“ und damit unwirtlich beschrieben („Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte.“). Die Küche jedoch wirkt behaglich. Dort wird das Abendessen gekocht, die Menschen sitzen beisammen („Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht“). Entsprechend ein Ort der Gemütlichkeit. Der Ich-Erzähler positioniert sich am Ende dazwischen. Er bleibt vor der Küchentür im Flur stehen.

Personenkonstellation

Die im Text genannten Personen und ihre Beziehungen zueinander spielen für die Deutung eine zentrale Rolle, auch wenn in kurzen narrativen Texten die Konstellationen durchaus einfach erscheinen. In Kafkas Parabel geht es eindeutig um die Vater-Sohn-Beziehung, welche offenkundig von der Kindheit schwer belastet ist und den Sohn daran hindert, in das elterliche Haus zurückzukehren.

Sprachlich-stilistische Analyse

Bei der sprachlich-stilistischen Analyse werden die sprachlichen Eigenheiten des Textes untersucht. In der Regel umfasst die sprachlich-stilistische Analyse dabei die Untersuchung der

  • Syntax,
  • Wortwahl bzw. verwendeten Wortarten,
  • rhetorisch-stilistischen Mittel.


Tipp:

Bei der Sprachanalyse sollten Sie stets darauf achten, zunächst das Wichtigste bzw. Auffälligste aus dem Text herauszufiltern und zu benennen (mit Textstellenzitat). Einen wesentlichen Hinweis für die Analyse bietet die Textstruktur. Sie ergibt eine Aufgliederung des Textes in verschiedene Sinnabschnitte, die sich in der Regel auch sprachlich unterscheiden. Somit genügt es, die in den erkannten Sinnabschnitten kennzeichnenden Merkmale hervorzuheben. Es ist vollkommen sinnlos, alle möglichen Mittel aufzuzählen. Überlegen Sie sich, welche Wirkung die einzelnen Sinnabschnitte haben und ob Satzbau, Wortwahl oder auffällige Figuren dazu beitragen, diese Wirkung zu vertiefen. Nur diese Mittel sind interessant. Einen Überblick über die wichtigsten rhetorisch-stilistischen Mittel finden Sie unter dem folgenden Link.


2 Erschließung poetischer Texte am Beispiel von Kafkas Parabel „Heimkehr“



Alexandra Weber, Eckehart Weiß: Texterschließung zu Kafkas Parabel "Heimkehr" - Aufsatzanleitung mit Lösung, in: deutsch.digital - Aufsatzerziehung für die Oberstufe, Quelle