Erschließung poetischer Texte am Beispiel von Eichendorffs Gedicht "Die zwei Gesellen"

Aus Digitale Schule Bayern
Wechseln zu: Navigation, Suche



Texterschließung und Interpretation zu Eichendorff - Die zwei Gesellen:   Die Aufgabenstellung - Die Textanalyse - Die Texterschließung - Die Ausformulierung


Stichpunkt Lyrik

Neben Epik und Dramatik ist die Lyrik eine Hauptgattung der Dichtung. Der Begriff leitet sich ab vom griechischen Begriff "Lyra", dem ältesten Saiteninstrument. Damit wird gleichzeitig die Verbindung mit der Musik deutlich. Klang, Rhythmus, Komposition und die subjektive Gefühlsintensität zeigen die Verwandtschaft zwischen beiden Kunstformen, auch wenn sich im Verlauf der Gattungsgeschichte lyrische Formen entwickelt haben, die sich mehr dem Epischen und Abstrakten zuwenden.

Dabei lassen sich lyrische Texte nach verschiedenen Gesichtspunkten zusammenfassen:

a) formale Ordnungsprinzipien

Diese führen zu Gedichten mit einer festen Bauart. Zu ihnen gehören zum Beispiel die Elegie, die Hymne und die Ode, sowie die Ballade, das Sonett und das Lied.

b) thematische und inhaltliche Merkmale

Lyrische Texte lassen eine Vielfalt an Formen erkennen: Liebeslyrik, Naturlyrik, politische Lyrik, religiöse Lyrik etc.

c) Darstellungsweise

Hier wird die Haltung des lyrischen Ichs bzw. fiktiven Sprechers berücksichtigt.

  1. liedhafte Gestaltung: Darstellung der Erlebnisse, Gefühle und Beziehungen zur Natur in einfacher Sprache und schlichter, aber regelmäßiger Form
  2. hymnische Gestaltung: Der fiktive Sprecher verleiht seinen gesteigerten Gefühlen, seiner Sehnsucht, seinem Glück, seiner Begeisterung Ausdruck.
  3. lehrhafte Gestaltung: Vermittlung von Wissen und Kenntnissen (z.B. philosophische Weisheiten)
  4. erzählerische Gestaltung: Darstellung von Handlungen, Vermischung von lyrischen, epischen und dramatischen Elementen


Aufgabenstellung

Erschließen Sie das nachfolgende Gedicht "Die zwei Gesellen" von Joseph von Eichendorff.

Gehen Sie in Ihrer Interpretation dabei insbesondere auf die folgenden beiden Fragen ein:

a) Wie bewertet das Lyrische Ich bzw. der fiktive Sprecher die zwei Gesellen?
b) Inwiefern lässt sich das Gedicht in die Epoche der Romantik einordnen?

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüst’ge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinnen und Herz. –

     Der erste, der fand ein Liebchen,
     Die Schwieger kauft’ Hof und Haus;
     Der wiegte gar bald ein Bübchen,
     Und sah aus heimlichem Stübchen
     Behaglich ins Feld hinaus.

          Dem zweiten sangen und logen
          Die tausend Stimmen im Grund,
          Verlockend’ Sirenen, und zogen
          Ihn in der buhlenden Wogen
          Farbig klingenden Schlund.

          Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,
          Da war er müde und alt,
          Sein Schifflein das lag im Grunde,
          So still war’s rings in die Runde,
          Und über die Wasser weht’s kalt.

Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen –
Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!


www.literaturwelt.com


Die Texterschließung umfasst zwei Aspekte: die Textanalyse, die formale Beschreibung des Textes, und die Deutung des Textes. Um einen Text schlüssig erschließen zu können, muss man ihn zuvor sehr gut beschrieben haben. Dabei bezieht sich die Analyse grundsätzlich auf die im Text erkennbaren Bereiche wie Textsorte, Inhalt, Aufbau, Erzählperspektive und die kennzeichnenden sprachlichen Mittel.

Bei der Interpretation geht es darum, was wir als Leser mit dem Text verbinden und was wir uns aus ihm selbst erschließen können. Jeder Sinnabschnitt ist somit bedeutend. Zunächst sollten Sie die Aussageabsicht der Einzelabschnitte durchdenken. Es gibt somit mindestens so viele Deutungsaspekte wie Sinnabschnitte. Danach erst überlegen Sie, worin die Gesamtaussage des Textes liegt, indem Sie die einzelnen Deutungsbereiche zusammenfassen und zu einer allgemeinen Interpretation weiterentwickeln.

Hilfreich sind darüber hinaus überlieferte Quellen zur Entstehung der Texte, z. B. Briefe und Tagebücher der Autoren. Was wir wissen und für die Interpretation nutzen können, sind insbesondere allgemeine Kenntnisse über die Biographie eines Verfassers sowie über die literarische Epoche, in die sich der Text einbetten lässt.

Die Gesamtdeutung sollte dann je nach Aufgabenstellung im literarischen Kontext erörtert oder kommentiert werden.


Faustregeln zur Analyse poetischer Texte bzw. zur Gedichtanalyse

  • Die erste Frage lautet nicht: „Was hat der Dichter gemeint?" und schon gar nicht: „Was meine ich zum Gedicht?" Die Frage lautet: „Was hat der Dichter gesagt?", d.h. was steht wirklich im Text?
  • Interpretation (lat.) heißt Übersetzung! Also ist der Text aus der Sprache des Dichters erst einmal „in die eigene Sprache" zu übersetzen.
  • Zwei Gegenstände sind bei der Analyse zu trennen, aber bei der Interpretation als Einheit zu betrachten: Inhalt und Form. Erst beides zusammen macht ein Gedicht aus. Der Inhalt allein ist nur Stoff.
  • Bei einem Gedicht ist „jedes" Wort wichtig! Lesen Sie daher das Gedicht mehrmals!
  • Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse! Lesen Sie nichts in den Text hinein, was nicht da ist, sondern bleiben Sie zunächst bei dem, was wirklich im Text steht!
  • Eine bloße Nacherzählung ist noch lange keine Interpretation!
  • Sie müssen bei der Gedichtanalyse nicht alle Punkte ausführlich besprechen. Fassen Sie einzelne zentrale Aspekte zusammen und veranschaulichen Sie diese durch entsprechende Textbelege bzw. Zitate.
  • Verbinden Sie nach Möglichkeit die Analyse (Was steht im Text?) mit der Interpretation (Warum steht es dort ?/ Welche Funktion besitzt es?)
  • Stützen Sie Ihre Analyse und Interpretation durch Zitate! Beachten Sie die Regeln des Zitierens!
  • Vermeiden Sie rein spekulative Aussagen ohne konkrete Textbezüge.
  • Bringen Sie Ihr Hintergrundwissen dann ein, wenn es für die Deutung des Textes relevant ist. Auf eine reine Reproduktion von Auswendiggelerntem sollten Sie verzichten.