Beispiel Erzählung

Aus Digitale Schule Bayern
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Die nachfolgende Erzählung hat eine Schülerin der 5. Jahrgangsstufe verfasst. Sie ist ihr wirklich gut gelungen, da sie alle wichtigen Merkmale des Erzählens beachtet hat.


Ein blinder Passagier

Es war ein ganz normaler Morgen. Katrin, ein elfjähriges, blondes Mädchen, stand wie immer auf, zog sich an, frühstückte und als sie merkte, wie viel Zeit sie noch hatte, bis sie in die Schule musste, trödelte sie weiter vor sich hin. Dabei musste sie noch ihre weißen Mäuse füttern, die sie zum Geburtstag bekommen hatte.

Katrin stellte sich an den Käfig und rief wie immer: „Lilly, Lola, Lenny! Fresschen!“ Sofort schnupperten drei hungrige Mäuse aus ihren Schlafhäuschen und Katrin legte ihnen ihr Futter in den Napf – Salatblätter, Mais, trockenes Brot und Sonnenblumenkerne, die sie so gerne fraßen. Als sie sich umdrehte und unter einem Stapel dreckiger Socken seufzend ihr Mathebuch hervorzog, raschelte es plötzlich vernehmlich hinter ihr. Katrin fuhr herum und erschrak fürchterlich. Die Tür des Käfigs stand sperrangelweit offen! Sofort stürzte sie zum Käfig. Lola und Lilly saßen noch friedlich knabbernd am Napf, aber von Lenny fehlte jede Spur! Hektisch begann sie, den Käfig abzusuchen. Als sie aber nicht fand, schloss sie die Tür und ließ sich auf ihr Bett plumpsen. Plötzlich hatte Katrin einen Geistesblitz. Natürlich! Lenny musste sich im Schrank verkrochen haben, denn dort war es warm, dunkel und weich – so, wie Mäuse es mögen! Sofort sprang sie auf und durchsuchte den Schrank. Als sie dort nichts fand, durchwühlte sie ihren Schreibtisch, alle Schubladen, den Fußboden, die Spielzeugkiste, sogar den Abfalleimer, aber Katrin fand nichts. Dann kam der nächste Schreck: Es war schon halb neun! Katrin sprang auf, schnappte sich ihre Brotzeit und sprintete los, ungeachtet der Tatsache, dass der Schulranzen auf ihrem Rücken schrecklich schwer war. Als Katrin ins Schulhaus kam, war alles still und leer und sie zuckte zusammen, als sie das Quietschen eines Putzfrauenwagens hinter sich hörte. Als sie am Deutschraum angekommen war, horchte sie. Alles war still. Katrin holte tief Luft und klopfte leise an die Tür. „Herein!“, erklang die dumpfe Stimme der Lehrerin. Katrin öffnete die Tür und siebenundzwanzig Augenpaare starrten sie an. „Aha, das Fräulein Lämmlein bequemt sich, auch endlich zu kommen! Das gibt einen Eintrag ins Klassenbuch!“, bemerkte Frau Klammerbein, die Deutschlehrerin, spitz. „Entschuldigung“, murmelte Katrin bedrückt, und schlich zu ihrem Platz. Teresa, Katrins beste Freundin, flüsterte ihr zu: „Was war denn los? Ich dachte schon, du bist krank!“ „Lenny ist verschwunden! Ich habe schon alles abgesucht!“, wisperte Katrin verzweifelt. „So, Ruhe jetzt dahinten!“ Frau Klammerbeins Blick durchbohrte die beiden förmlich und die Freundinnen hielten den Mund. Eine Weile versuchte Katrin, sich zu konzentrieren, aber als auch noch ihr Heft an der unteren Seite ganz zerrissen war, verstand sie gar nichts mehr. So schniefte sie vor sich hin, bis die Lehrerin sie entnervt mahnte, sich endlich die Nase zu putzen. Katrin zog ein Taschentuch aus der Schultasche und ihr Herz machte einen Sprung. Auf dem Taschentuch waren lauter schwarze Mäuseköttel! Als es endlich zur Pause läutete, durchsuchte sie den Ranzen, fand einen weiteren Hinweis in dem angeknabberten Erdnussbutterbrot und fand Lenny endlich unter ihrem Sport-T-Shirt. Glücklich nahm sie die Maus auf die Hand, aber im selben Moment kam Martina, die Klassenzicke, mit ihren zahlreichen Bewunderinnen ins Zimmer. Sie kreischte so laut los, dass es Katrin in den Ohren gellte. „Iiiiiiiiiiiih, eine Maus!“, hallte ihr Schrei durchs ganze Klassenzimmer, sodass Lenny von Katrins Hand ins Leere sprang und nach draußen sauste, so schnell sie konnte. „Du blöde Kuh“, brüllte Katrin Martina an, „jetzt hast du sie vertrieben!“ Für die letzten zwei Stunden zerbrach Katrin sich den Kopf darüber, wo Lenny sein könnte.

Als die Schule vorbei war, machte sie sich mit Teresa auf den Nachhauseweg. Katrin war sehr schweigsam, da sie sehr traurig über den Verlust von Lenny war. Plötzlich krallten sich Teresas Finger so heftig in Katrins Arm, dass es schmerzte. „Da! Da unter dem Baum! Schau, Katrin!“, rief Teresa aufgeregt. Katrin sah hin und ihr Herz krampfte sich zusammen. Dort zwischen den Wurzeln lag Lenny! Aber sie bewegte sich gar nicht! „Ist... ist sie tot?“, krächzte Teresa mit heiserer Stimme. Katrin gab keine Antwort, aber ihr fiel ein Stein vom Herzen, als sie entdeckte, dass Lenny nur schlief. Offensichtlich war der Ausflug für ihn zu anstrengend gewesen. Katrin hob sie vom Boden auf und trug sie überglücklich nach Hause, wo sie sie in ihren Käfig zurücklegte. Seitdem macht Katrin die Tür des Käfigs immer fest zu.